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literarische Routen

Trieste war die Wiege von Svevo und Saba, die Amme von Joyce, der Rückzugsort von Richard Francis Burton, das Beratungsbüro von Charles Lever, Stendhal und Ivo Andrić, die Taufstätte des Werks von Vladimir Bartol, von Srečko Kosovel, von Fulvio Tomizza und vielen anderen angesehenen Schriftstellern und Dichtern, die auf Italienisch, Slowenisch, Deutsch und in anderen Sprachen geschrieben haben. Und noch heute arbeitet hier mindestens ein Dutzend von Protagonisten der nationalen und internationalen Literatur, darunter auch Nobelpreis-Kandidaten Boris Pahor und Claudio Magris.
intro
Guten Tag! Herzlich willkommen!
Triest ist schon eine etwas seltsame Stadt, ja. Aber es steckt so voller Schönheiten und Überraschungen, dass Sie sich verlieben werden, Sie werden sehen.

Es ist nicht nur die Stadt der Barcolana, der Wissenschaft und des Kaffees ... Triest ist zum Beispiel auch eine der - verkannten - weltweiten Hauptstädte der Literatur. Haben Sie das gewusst? Welches andere Städtchen dieser Größe (in seiner absoluten Blütezeit hatte es wenig mehr als 200.000 Einwohner) kann sich schon rühmen, eines der wichtigsten Zentren für die Entstehung und Entwicklung der modernen Literatur zu sein? Noch heute entsteht hier durch seine Schriftsteller eine weltweit geschätzte Schreibkunst und -kultur.

Es war die Wiege von Svevo und Saba, die Amme von Joyce, der Rückzugsort von Richard Francis Burton, das Beratungsbüro von Charles Lever, Stendhal und Ivo Andrić, die Taufstätte des Werks von Vladimir Bartol, von Srečko Kosovel, von Fulvio Tomizza und vielen anderen angesehenen Schriftstellern und Dichtern, die auf Italienisch, Slowenisch, Deutsch und in anderen Sprachen geschrieben haben.
Und noch heute arbeitet hier mindestens ein Dutzend von Protagonisten der nationalen und internationalen Literatur, darunter auch Nobelpreis-Kandidaten Boris Pahor und Claudio Magris.
Joyce-stazione
Kommen Sie, lassen Sie uns eine kleine Runde durch das Zentrum machen, ich zeige Ihnen das Schönste: Hier scheinen jede Mauer, die Straßen, Plätze und Paläste aus festem Stein und Marmor zu sein, aber in Wahrheit ist alles aus Papier.

 

Aus beschriebenem Papier. Wir wollen an diesem Bahnhof hier beginnen, den wir gerade verlassen haben: Hier kam am 20. Oktober 1904 James Joyce nach Triest und schaffte das schier unmögliche Kunststück, sich innerhalb weniger Minuten nach der Ankunft festnehmen zu lassen (infolge eines Missverständnisses) und seine arme Gefährtin Nora zu verlassen, die weder ein Wort Italienisch noch Deutsch sprach, kein Geld hatte und stundenlang in dem Gärtchen auf ihn wartete, das Sie hier sehen. Dies war der fulminante Beginn der Beziehung des irischen Schriftstellers zur Adriastadt, die für beide wichtige Folgen hatte.

canale-generali-carciotti
Aber kommen Sie nur, ich bitte Sie: Hier, links, werden Sie schon bald dem begegnen, was Joyce in einem Brief an seinen Freund Italo Calvino als «der Kanal, der aus der Weite kam, um den großen Star Antonio Taumaturgo [das heißt, die neoklassizistische Kirche, die Sie hier hinten sehen] zu heiraten, es sich dann anders überlegte und dorthin zurückkehrte, von wo er gekommen war» definierte.

Aber vorher stoßen wir auf der dem Meer gegenüberliegenden Seite (das weiter vorn, rechts, glitzert) auf den ersten der Paläste, die Generali, die große Versicherungsgesellschaft, in der Stadt besitzt: Hier war es, wo 1907 Franz Kafka, der gerade von der Prager Filiale der Gesellschaft eingestellt wurde, und zwar jener Filiale, die, welch Ironie des Schicksals, im selben Jahr einen seiner Kollegen schicken sollte, der ebenfalls dazu bestimmt war, in der Republik der Literatur Spuren zu hinterlassen: Leo Perutz.
Und hier war es auch, wo viele Jahre später Biagio Marin, der Dichter von Grado, als Bibliothekar arbeitete.

Denn in Triest haben sich Kultur und Handel eng und untrennbar miteinander verknüpft. Schauen Sie nur, welch schöner Palazzo gleich jenseits des Kanals, jener mit der schönen Kuppel und den Statuen. Das war der Wohnsitz und das Depot von einem der bestbetuchten Kaufmänner des Triester Emporio, des griechischen Demetrio Carciotti, was ihn nicht daran hindert, eines der schönsten Beispiele der neoklassizistischen Architektur einer Stadt zu sein, von der man sagt, dass sie ganz und gar neoklassizistisch sei, vielleicht um sich dafür zu entschuldigen, dass hier 1768 - durch die Hand eines jungen Mannes mit leicht sitzendem Messer - der Vater des Neoklassizismus, Johann Joachim Winckelmann, umgebracht wurde.

 

Wir überqueren die Straße.
Dieses Bauwerk hier daneben war ein Hotel, das sich Hotel de la ville nannte. Hier haben Adalbert Stifter und Giuseppe Verdi verweilt: Hier sehen Sie die beiden Schilder, die daran erinnern.
Kein Schild erinnert dagegen daran, dass hier auch der erste Triester Wohnsitz von Richard Francis Burton war, des Erforschers der Nilquellen, Mekka-Pilger und Autor von einer der beiden Übersetzungen, die zu den skandalösesten der viktorianischer Zeit zählten, des Kamasutra und von Tausendundeiner Nacht.
Nun, falls Sie den Wunsch verspüren, können Sie später die Bahn von Opicina nehmen, die alte Bahnlinie, die über den Karstfelsen fährt, um das heute leider nur noch als Ruine existierende Albergo all'Obelisco zu sehen, wo der englische Forscher seine Übersetzungsarbeit zu Ende geführt hat.

 

tommaseo
Jetzt gehen wir einfach weiter zu einem anderen Stadtviertel und biegen nach links ab, zwischen der griechisch-orthodoxen Kirche San Nicolò (werfen Sie einen Blick hinein, wenn sie geöffnet ist, es lohnt sich) und dem berühmten Caffè Tommaseo, einem der historischen Cafés in jenem Wiener Stil, für den Triest berühmt ist.
Das Café ist auch berühmt für ein Gedicht von Umberto Saba mit dem Titel Al caffé dei negozianti (Im Café der Händler) - in der Tat stößt man in dieser Gegend allerorts auf Spuren dieses Dichters.

Weiter oben in dieser Straße, unter der Nummer 30, zufälligerweise genau dort, wo sich heute die Berlitz School, die Sprachschule, für welche Joyce arbeitete, befindet, kann man noch heute seine antiquarische Buchhandlung aufsuchen, in welcher dieselbe Atmosphäre herrscht wie zu seiner Zeit.

 

Wir dagegen biegen gleich nach rechts ab, vorbei am Haus und Atelier der großartigen Intellektuellen Anita Pittoni, der Lebensgefährtin von Giani Stuparich und Seele des Verlagshauses Lo Zibaldone sowie Freundin von Saba, und wir überqueren die Piazza della Borsa.

Der imposante, gerade restaurierte Palazzo auf der rechten Seite, nach der Loggia des Palazzo della Borsa, ist der so genannte Tergesteo, wo viele Szenen des Händlerlebens stattfanden, die Svevo in seine Romane einfließen ließ und wo vor allem wirklich die Banca Union ihren Sitz hatte, das Geldinstitut, für das Ettore Schmitz (Italo Svevo) fast zwanzig Jahre lang arbeitete und uns in seinem ersten Roman Ein Leben eine unvergessliche Beschreibung davon hinterließ.

Und wenn wir den Platz hier überqueren, vielleicht durch die Unterführung, die als "Portizza" bekannt ist, befinden wir uns auch schon im Ghetto, demjenigen, das Saba in seinen Erinnerungen - Erzählungen in Gli ebrei in den lebhaftesten Farben schilderte und in dem auch Svevo als Kind oft war, wenn er in die Synagoge ging.

 

Wir gehen ein Stückchen hoch und kommen innerhalb weniger Minuten zum Arco di Riccardo, einer römischen Ruine.

Ich wollte Ihnen das nicht nur zeigen, weil sich hier ein Gasthaus befand, das seinen Gästen einen Wein anbot, den Opolo di Lissa, den Joyce so mochte, sondern auch, weil diese Gasse Protagonistin eines bedeutenden und wenig bekannten Romans von 1902 mit dem Titel Vicolo del Trionfo (Aus der Triumphgasse) einer bedeutenden und zumindest hier wenig bekannten Künstlerin namens Ricarda Huch ist.

Dies wollte ich sagen, um darauf hinzuweisen, dass die bekannten und berühmten Aspekte des literarischen Triest nur ein Teil dieser glorreichen Geschichte sind.
Und das ist mehr als wahr: Am Ende des Ersten Weltkriegs brachte in einer kurzen und unwiederbringlichen Saison eine innovative Brise aus Triest radikale Veränderungen nicht nur für die italienische Lyrik (mit dem Canzoniere von Umberto Saba, der 1921 herauskam), sondern auch für die englische Prosa (mit Ulysses von James Joyce, der 1922 veröffentlicht wurde) und die italienische Prosa (mit dem Erscheinen von Coscienza di Zeno im Jahr 1923).

Aber in derselben Stadt produzierten vor und insbesondere nach diesem Zeitpunkt Dutzende von außergewöhnlichen Autoren einen unaufhörlichen Fluss von Worten, der Sprachen, Strömungen, Identitäten und Geschichten überwand und auf diese Weise eine künstlerische Realität schuf, die ihres Gleichen sucht.

Einige Triester wissen es. Viele wissen es nicht. Gönnen Sie sich doch den Luxus, ihnen davon zu erzählen, an einem schönen Café-Tischchen, vor einem dampfenden Tässchen Kaffee, vielleicht auf einem Stapel neu gekaufter Bücher balancierend.

 

 

Riccardo Cepach